hin und weg (2010)

für Sopran und Cello

Brigitta Muntendorf CDKomponiert für das Duo socell 21
Sopran: Irene Kurka
Cello: Burhart Zeller

UA: 31.10.2012
Kunststation Sankt Peter Köln
Dauer: 12 min

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Programmtext:

Bei meinen Überlegungen zu hin und weg, galt es zwei Hindernisse zu überwinden, die beide mit der Thematik des Gedichtes stabat mater dolorosa in Zusammenhang stehen. Das erste Hindernis ist die Frage nach der Realisierung eines Stückes zu einer Thematik, die es nicht zulässt, sie aus der Distanz heraus zu behandeln. In die Distanz zu gehen, bedeutet, sich von dem Geschehen zu entfernen und Möglichkeiten wie das Reagieren auf andere existierende Stabat Mater, das Abstrahieren der Thematik oder das Persiflieren derselbigen kompositorisch umzusetzen. Doch berichtet das Stabat Mater von einem großen menschlichen Leid und von dem größten Leid des Christentums, das zu vielen religiösen Kriegen und Konflikten führte, die sich bis in die heutige Zeit fortsetzen.
Die Distanz schien mir persönlich daher nicht realisierbar. Da ein neutraler Umgang mit der Thematik nicht möglich ist, entschied ich mich dafür, mich umso mehr in das Geschehen der Geschichte hineinzubegeben, um von diesem Ausgangspunkt aus meine Fragen zu formulieren.

Bei meinen Recherchen zum Gedicht fand ich heraus, dass italienische Flagellanten (eine Gruppe fanatisch-religiöser Selbstkasteier) das Stabat Mater im 14.Jh. zu ihrer Hymne erkoren und es bei ihren Wanderungen durch die Städte sangen. Obwohl das Gedicht von einem stillen, mit Würde und Ehre getragenen Leid erzählt, trugen es die Flagellanten, sich selbst auspeitschend, in offensiver und unverdeckter Form in die Öffentlichkeit. Diesen paradoxen Umgang mit Leid habe ich auf das Stück übertragen um eine Ebene zu schaffen, von der aus die Thematik reflektiert werden kann. „Geh hin, schau weg“, „Hör weg, schau hin“ und ähnlich widersprüchliche Äußerungen in dem Stück spiegeln diese Verwirrung wider.
Das zweite Hindernis ist die Tatsache, dass eine Sängerin, die ein Stabat Mater singt, auch leicht mit Maria als Person identifiziert wird. Um dieses zu verhindern bin ich in hin und weg nicht nur bei der Raum schaffenden Positionierung der Musiker, sondern auch bei ihren musikalischen Aktionen von einer Projektionsfläche ausgegangen – ebenso, wie auch Maria als Kultfigur und weniger als menschliche Person schon immer als Projektionsfläche benutzt worden ist.
Der semantische Gehalt des musikalischen Materials und die zeitlichen Abläufe der musikalischen Gesten sind in Sopran und Cello nahezu immer gleich; es handelt sich quasi um einen zweistimmigen Monolog, in dem Instrument und Stimme eine untrennbare Einheit bilden.
Die Atemlosigkeit als ein Ausdruck des Leids führt in hin und weg zu einem Spiel mit der Melodramatik. Sobald sich der Hörer mitten in ihr wieder findet wird er durch plötzliche Elemente hinausgeworfen, die die Atemlosigkeit und die dramaturgische Steigerung musikalisch brechen.
Ich möchte die Melodramatik als Möglichkeit aufzeigen, um sie gleich wieder in ihrer Unmöglichkeit zu spiegeln. Dabei bildete nicht die Suche nach einer Verbindung von Gegensätzlichem, sondern die Suche nach einer Verbindung von eigentlich einander ausschließenden Äußerungen oder musikalischen Verhaltensweisen den Weg.